Anthropologische Untersuchungen

(Arkadiusz Soltysiak)

 

Während der letzten zwei Grabungskampagnen in Assur wurden 22 Bestattungen freigelegt (im Jahr 2000 waren es acht, 2001 weitere 14). Insgesamt handelt es sich um Skelettreste von 34 Individuen aus assyrischer und parthischer Zeit. Obwohl die Grabtypen in mancher Hinsicht durchaus ähnlich sind, unterscheiden sich die parthischen Bestattungen von den assyrischen ziemlich deutlich:

Unter den parthischen Bestattungen gab es 13 Kinder jünger als fünf Jahre sowie drei ältere Kinder und sechs Erwachsene. In den mittel- und neuassyrischen Gräbern wurden vier ältere Kinder, acht Erwachsene aber keine Kinder unter fünf Jahren gefunden. Das Fehlen jüngerer Kinder in den assyrischen Schichten kann nicht zufällig sein. Das Ergebnis des X² Tests beträgt 11,48 bei p<0,01. Aus diesem Grund kann man den vorliegenden Unterschied als statistisch relevant betrachten. Ein weiterer Unterschied zwischen den parthischen und den assyrischen Bestattungen besteht im Fehlen kollektiver Bestattungen unter den jetzt gefundenen assyrischen Gräbern (eine Ausnahme ist das Grab Nr. 21, das man allerdings kaum als typisch betrachten kann). Die Anzahl der in parthischen Gräbern bestatteten Individuen variiert hingegen. Unter 12 Gräbern gab es eine Einzelbestattung eines Erwachsenen sowie vier Kindergräber. Darüber hinaus gab es zwei Bestattungen eines Erwachsenen mit einem Kind, jeweils ein Grab mit zwei Erwachsenen beziehungsweise mit zwei Kindern, zwei Gräber mit je drei Kindern und schließlich ein Grab eines Erwachsenen mit zwei Kindern. Bei einer Aufteilung in allgemeine Kategorien von einfachen und kollektiven Bestattungen hat χ² einen Wert von 7,88 bei p<0,01. Das bedeutet, dass auch in diesem Fall der Unterschied zwischen den assyrischen und parthischen Gräbern statistisch als relevant zu betrachten ist.

Während der Kampagne 2001 wurden drei neuassyrische Bestattungen freigelegt, deren Skelette Spuren von Frakturen trugen. Im Grab Nr. 23 befanden sich Knochenreste eines Mannes, einer Frau und eines Kindes. Die kaum definierbare Begrenzung dieser Bestattung sowie die Zerstreuung der Knochen lassen vermuten, dass es ich dabei nicht um ein reguläres Grab handelt. Es könnte eine sekundäre Bestattung oder eher eine Gruppe von unbestatteten Toten gewesen sein. Zudem deutet die Lage des Frauenkopfes darauf hin, dass er abgeschnitten und neben der Leiche auf der Schädelbasis beigelegt wurde.

Die bei den Resten des jungen Mannes aus dem Grab Nr. 30 festgestellte Beschädigung – ein halbkreisförmiger Eindruck an der Schläfe – könnte von einem mit stumpfem Gerät ausgeführten Schlag stammen. Das massive Knochenrelief deutet auf intensive Muskelaktivitäten hin; es ist also wahrscheinlich, dass der Tote ein Krieger war. Der Frauenschädel aus dem Grab Nr. 32 zeigt drei Frakturen. Eine Spur auf dem linken Stirnbein und dem Scheitelbein – ein keilförmig abgeschlossener, auf eine mechanische Weise entstandener Eindruck – könnte von einem scharfen Gerät resultieren. Ein großer ovaler Eindruck auf dem rechten Stirnbein dürfte ebenfalls peri mortem entstanden sein (oder zur Zeit, als der Schädel noch mit Gewebe bedeckt war). Eine derartige Beschädigung kann durch einen Zusammenstoß mit einer stumpfen Kante (z. B. beim Sturz) oder durch einen starken Schlag mit einem stumpfen Gegenstand entstehen. Der rechteckige Knochendefekt des Stirnbeines im Bereich der Glabella, verbunden mit einer fast vollständigen Zerstörung des Nasenbeines und einer länglichen Fraktur auf dem Oberkiefer, dürfte wiederum durch einen Schlag mit einem scharfen Gerät verursacht gewesen sein. Allerdings kann man auch nicht ausschließen, dass die partielle Spaltung und Deformierung im Gesichtsbereich durch die Lage des Schädels auf den Steinen zu erklären ist. Auf jeden Fall scheinen die Individuen aus den Bestattungen Nr. 30 und 32 eines gewaltsamen Todes gestorben zu sein. Eine genauere Interpretation wird erst nach einer abschließenden Laboruntersuchung möglich sein.

 

(A. Soltysiak arbeitet zur Zeit am Projekt „Die anthropologische Differenzierung der Bevölkerung im Alten Orient“. Er ist Stipendiat der Stiftung für Polnische Wissenschaft).           

 

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